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Die Stimme der Behinderten
Gründung eines Behindertenbeirats vor

Badische Zeitung 17.07.2010
Charlotte Schmid

 

Liga der Freien Wohlfahrtsverbände bereitet die Gründung eines Behindertenbeirats vor.

 

 

 

Liga-Vorsitzender Sören Funk erklärt sein Konzept eines Behindertenbeirates, eine Gehörlosendolmetscherin übersetzt seineWorte in die Gebärdensprache. Foto: Charlotte Schmid

 

LANDKREIS BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD. Die Liga der freien Wohlfahrtspflege präsentierte am Donnerstag bei einem Informationsabend im Weihbischof-Gnädinger-Haus in Freiburg ihr Konzept zur Einführung eines Behindertenbeirats für den Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald. Eingeladen waren auch Esther Grunemann, die Behindertenbeauftrage für Freiburg, und Joachim Herb vom Freiburger Behindertenbeirat. Nachdem Esther Grunemann bereits vor zwei Jahren als Behindertenbeauftrage für die Stadt berufen wurde, möchte die Liga der freien Wohlfahrtspflege nun auch ein Gremium einrichten, das die Interessen der Menschen mit Behinderung aus dem Landkreis vertritt. "Etwa 10 Prozent der Kreisbewohner sind von einer Behinderung betroffen und leiden unter Einschränkungen ganz unterschiedlicher Art", sagte Sören Funk, der Vorsitzende der Liga. Der Abend solle deswegen als Startschuss zur besseren Unterstützung und Vertretung der Landkreisbewohner mit Behinderung gesehen werden. Bernhard Scherer, Vorstand des Caritasverbandes Breisgau-Hochschwarzwald, erklärte, wie der Behindertenbeirat für den Landkreis konkret aussehen solle: "Der Rat setzt sich aus 16 stimmberechtigten Mitgliedern zusammen, von denen zehn direkt Betroffene sein sollen." Das Gremium solle eine gebündelte Interessenvertretung sein und sich insbesondere mit Themen wie barrierefreies Wohnen, Verkehr und Integration von Menschen mit Behinderung in Kultur, Freizeitangebote, Ausbildung und Arbeit beschäftigen. Außerdem soll ein ehrenamtlicher Behindertenbeauftragter gewählt werden, der als unabhängige Interessenvertretung ein Bindeglied zu Kommunen, Fraktionen und Verbänden sein soll, so wie Grunemann in Freiburg. Der Beauftragte soll auch an relevanten kommunalpolitischen Entscheidungen beteiligt werden. Die Liga der freien Wohlfahrtspflege sieht sich bei der Bildung des Behindertenbeirates als Geburtshelfer. "Unser Anliegen ist es, dass Menschen mit Behinderung nach der Einrichtung des Beirats einen Interessenvertreter haben und so gemeinsam entscheiden könne, was für sie richtig ist", so Scherer.

"So schnell wie möglich hauptamtliche Stelle einrichten"

Da der Behindertenbeauftragte ehrenamtlich arbeiten wird, solle der Landkreis vorerst pauschal 7000 Euro als Aufwandsentschädigung bereit stellen. Grunemann und Herb berichteten auch von ihren Erfahrungen in Freiburg. Es sei nicht einfach, die komplexen Aufgaben als Behindertenbeauftragte nebenberuflich zu leisten, sagte Grunemann. Deswegen regte sie an, anstatt der ehrenamtliche Stelle für den Landkreis so schnell wie möglich eine bezahlte Stelle einzuführen. Funk und Scherer von der Liga betonten, dass der Beirat erst ein Anfang sei und nicht direkt eine perfekte Lösung geboten werden könne. "Das ist aber immer noch besser, als die Menschen mit Behinderung weiterhin als Einzelkämpfer alleine zu lassen", so Scherer. Die Gründungsversammlung, bei der Behindertenbeirat und Behindertenbeauftragter für den Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald gewählt werden sollen, findet voraussichtlich am 10. November statt; der Ort der Veranstaltung ist noch nicht bekannt.

 

Aus Erfahrungen im Ausland lernen
Die inklusive Schule !

Badische Zeitung 22.10.2010
Hans Christof Wagner

 

Die inklusive Schule leidet unter den Unzulänglichkeiten im deutschen Bildungssystem und an Berührungsängsten derGesellschaft.



„Inklusive Schule – eine Schule für alle“ war das Thema einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung des Kreisverbandes der Grünen in Müllheim unter Leitung von Bärbl Mielich (rechts), behindertenpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion. Foto: Hans Christof Wagner
 

MÜLLHEIM. Behinderte und nichtbehinderte Schüler gemeinsam in einer Klasse – mit der UN-Behindertenrechtskonvention ist das nicht mehr nur Wunschtraum, sondern Rechtsanspruch. Aber in einem waren sich die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion in Müllheim einig: Das deutsche Schulsystem muss sich dazu gehörig umstellen – kleinere Klassen schaffen, Sozial- und Sonderpädagogen einstellen, Lehrer anders ausbilden. Die UN-Konvention, die das Recht auf den Besuch einer regulären Schule für alle geltend macht und das Modell der inklusiven Schule vorsieht, ist im Frühjahr 2009 in Deutschland in Kraft getreten. Markus Kurth, behindertenpolitischer Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, nannte sie in der Podiumsdiskussion in Müllheim einen "Meilenstein." Hätten frühere Konventionen vor allem Abwehrrechte des Einzelnen gegenüber dem Staat festgeschrieben, formuliere die Behindertenrechtskonvention erstmals Ansprüche gegenüber der Gesellschaft. "Die Anpassungsleistung muss von der Gesellschaft ausgehen, nicht vom Behinderten selbst", sagte Kurth auf der Veranstaltung, die in der Waldorfschule stattfand. Die Konvention sei bereits geltendes Völkerrecht. Auch die Bundesrepublik habe sie ratifiziert, einstimmig in Bundestag und Bundesrat. "In Deutschland gingen 2010 nur 18 Prozent aller behinderter Kinder und Jugendlicher auf eine Regelschule, in anderen europäischen Ländern sind es bis zu 90 Prozent", erklärte der Bundestagsabgeordnete. "Wir brauchen die Sonderschule auch in Zukunft", zeigte sich indes Richard Cicciarella, Schulleiter der Schule für Erziehungshilfe Kirschbäumleboden, überzeugt. Nicht alle Kinder und Jugendliche mit Behinderung seien ins Regelschulsystem integrierbar, sagte der Rektor der Müllheimer Förderschule. "Wir haben bei uns viele traumatisierte und psychiatrisch auffällige Kinder, die sprengen jede andere Schulform." Einigkeit bestand auf dem Podium darin, dass das gemeinsame Unterrichten behinderter und nichtbehinderter Schüler in der Regelschule das besondere Wissen von Sonder- und Heilpädagogen erfordere. An Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien seien die Berührungsängste gegenüber Menschen mit Behinderung und Beeinträchtigung noch zu groß. "Die Mauer in den Köpfen ist noch da", meinte Traude Schüler, Gründerin des Vereins Thetis mit Sitz in Ehrenkirchen, der Menschen mit Behinderung bei der Ausbildung und bei der Eingliederung ins Arbeitsleben unterstützt. Zu große Klassen, zu wenige und unzureichend ausgebildete Lehrer, ungeeignete Gebäude – am deutschen Schulwesen gebe es viele Baustellen, die noch abzuarbeiten seien, bevor die inklusive Schule Wirklichkeit werden kann.

 Länder wie Finnland gehen mit gutem Beispiel voran

Thomas Manthey, Rektor der Adolph-Blankenhorn-Schule in Müllheim, berichtete im Rahmen der von der grünen Landtagsabgeordneten Bärbl Mielich moderierten Diskussion von Klassen mit 31 Jungen und Mädchen. Manche im Publikum waren sogar der Meinung, dass inklusives Lernen mit dem dreigliedrigen deutschen System überhaupt nicht funktioniere. Am ehesten sei es noch an privaten und freien Schulen wie den Waldorfschulen zu schaffen. An der Waldorfschule Emmendingen wird das Modell seit Jahren schon praktiziert. Geschäftsführer Michael Löser berichtete von Klassen, in denen auch geistig Behinderte sitzen und die nicht nur von einem Lehrer, sondern von einem Team aus zweien unterrichtet werden. "Aber lernen nichtbehinderte Kinder in solchen Klassen auch genug?", fragte ein Besucher der Veranstaltung. "Ja", entgegnete

Helmut Gattermann von der Freiburger Initiative "Eine Schule für alle". Länder wie Finnland hätten in der Pisa-Studie deshalb so gutabgeschnitten, weil dort inklusive Schulen die Regel seien. 
 

Jung und Alt gehören zusammen
 
Badische Zeitung 28. 11. 2008
Sylvia-Karina Jahn


Wie kann man in einer Zei t des demografischen Wandels, der hohen Flexibilität, die im Job gefordert wird, und dem Trend zum Single-Haushalt die Generationen zueinander bringen? Die Diskussion von Kreisseniorenrat und Jugendarbeit dazu war gut besucht.



Das Podium: Bärbel Mielich, Marianne Wonnay, Joost Wejwer, Gerhard Walser

Gisela Schlenker, Marcel Schwehr und Dieter Ehret. Foto: Sylvia-Karina Jahn


EMMENDINGEN. Eigentlich waren sich alle einig bei der Podiumsdiskussion "Jung und Alt trifft Politik", die die Veranstaltungsreihe "Generationen – neben- oder miteinander?" von Seniorenbüro und Jugendarbeit des Landkreises abschloss: Jung und Alt gehören zusammen, können, sollen, müssen voneinander lernen und profitieren. Doch da sind die Zahlen, die auch im Landkreis weniger junge und mehr alte Menschen prognostizieren, der Trend zum Single-Leben, der Druck, beruflich flexibel zu bleiben, der oft Familien auseinander reißt. Und so sahen die Teilnehmer auf dem Podium und im Zuhörerraum vor allem die Politik gefordert, die neue Strukturen schaffen soll: Strukturen, in denen ein Miteinander auch ohne Familienbande funktioniert.

Auf dem Podium waren sich die Landtagsabgeordneten Bärbel Mielich (Grüne), Marianne Wonnay (SPD), Marcel Schwehr (CDU), Dieter Ehret (FDP), Joost Wejwer (Kreisjugendring) und Gisela Ehret (Kreisseniorenrat) völlig einig in ihren positiven Erfahrungen im familiären Miteinander. "Die Begegnung der Generationen ist etwas Wunderbares", sagte Wonnay und wies

darauf hin, dass Familie eben nicht nur die Kinder meine: Auch die ältere Generation gehöre dazu. "Beide Generationen müssen sich anstrengen", mahnte Gisela Schlenker, die Älteren müssten genauso an sich arbeiten wie die Jüngeren. Doch die Probleme sind damit nicht gelöst. Schwehr wies darauf hin, dass die Jungen sagten, sie könnten die Lasten der älteren Generation nicht tragen, während sich die Älteren zu Recht darauf beriefen, ihr Lebenswerk vollbracht zu haben. Hier einen Ausgleich zu finden, sei Sache der Politik. Gegenseitigen Respekt und gemeinsames Engagement, etwa in der Umweltpolitik, sah Ehret als eine Möglichkeit, Jung und Alt zusammenzuschweißen. Für Joost Wejwer sind die schlechten Rahmenbedingungen für Familien das Grundübel: Die meisten jungen Menschen wollten eine gründen, doch wie, wenn sie mit Mitte 30 noch keine feste Stelle hätten? Obwohl der demografische Wandel, wie Wonnay anmerkte, die Chancen der Jungen wie der Älteren steigere; im Blick auf junge Menschen habe die Wirtschaft das auch erkannt. Ein junger Zuhörer meinte, es sei eher eine Frage der Werte: Vor 50 Jahren hätten die Menschen sich unter weit schlechteren Rahmenbedingungen bewusst für die Familie entschieden. Es müsse ein System gefunden werden, die Generationen von Anfang an miteinander zu verbinden, meinte Wonnay – etwa wie das Rote Haus in Waldkirch. Weil dort vom Kindergarten über den Schülerhort bis hin zum Vereinstreff und Angeboten für Ältere alles geboten sei, rege es Kontakte an – um die sich freilich auch der Einzelne bemühen müsse. Es gibt funktionierende Modelle wie die "Leihoma", wenn in den Familien die Großeltern fehlen, die Hilfe Älterer bei Schulaufgaben oder bei Problemen mit Bewerbung und Ausbildung. Auf der anderen Seite gibt es aber auch das Problem Pflegebedürftigkeit der älteren Menschen. Nicht nur die Kinderbetreuung, sondern auch die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf werde künftig ein Thema werden, sagte Wonnay. Mielich erinnerte an das "Vorzeigeprojekt" Eichstetten, wo Ehrenamtliche die Betreuung von Alten, Pflegebedürftigen und Dementen unterstützten und so die Familien entlasteten. Oder wäre ein allgemeiner Pflegedienst statt des Wehrdienstes die Lösung, wie Zuhörer anregten? Oder der Einsatz dafür geeigneter Menschen ohne Arbeit, allerdings gegen gute Bezahlung? Generell wurde auch ein besseres Image für die Pflegeberufe gefordert. Schwehr hielt es für ganz wichtig, dass sich alle Generationen in der Kommunalpolitik engagieren. Wie stellen sich die Podiumsteilnehmer ihren Ruhestand vor, fragte der Emmendinger BZ-Redaktionsleiter Gerhard Walser, der die Diskussion moderierte. Bärbel Mielich wünschte sich eine Wiederbelebung ihrer Studenten-WG, Marianne Wonnay freut sich

auf viel Zeit und Familie, Joost Wejwer sieht sich mit Kindern und Enkeln am Strand – oder mit Rollator an der Dreisam. Gisela Schlenker hat bereits vor 40 Jahren beim Hausbau an ebenerdigen Zugang gedacht, um im vertrauten Umfeld bleiben zu können. Auch für Dieter Ehret steht die Familie im Mittelpunkt, doch hat er erst mal noch viel vor – wie Marcel Schwehr, der mit seinen 41 Jahren weniger an den Ruhestand denkt als daran, sich noch aktiv für Generationengerechtigkeit und gegenseitiges Verständnis einzusetzen. Für Ulrich Leser von der Kreisjugendpflege war es nicht nur deswegen sicher nicht die letzte Veranstaltung zum Thema.

 

Wahlmöglichkeiten bieten
Verein Thetis e.V. will Behinderten den Einstieg in Berufsleben ermöglichen

Badische Zeitung 22.09.2006

Barbara Schmidt

EHRENKIRCHEN. Der erste Tag im September war für Traude Zähringer ein wichtiger: An diesem Freitag ist das neue Projekt ihres Vereins Thetis e.V.  gestartet. Die rund 60 Mitglieder, deren Vorsitzende Traude Zähringer ist, wollen Menschen mit Behinderung besser in die Gesellschaft eingliedern. Diese Integration soll — in einem ersten Schritt — über den Arbeitsplatz gelingen.

Traude Zähringer (links), Vorsitzende des Vereins Thetis e.V. aus Norsingen hat gemeinsam mit Renate Kilwing das neue Jobcoach-Projekt geplant.
 (FOTO: BARBARA SCHMIDT)

Viele Behinderte wollten trotz ihres Handicaps einen "normalen" Berufsalltag erleben, sagt Traude Zähringer, der nicht zwangsläufig in einer speziellen Werkstätte stattfinden müsse. "Es geht darum, ihnen eine Wahlmöglichkeit zu bieten" , betont sie. Die Norsingerin weiß, wovon sie spricht, denn eines ihrer vier Kinder gilt als geistig behindert. "Samuel wollte immer in die Gastronomie" , erzählt die Mutter, die für ihren heute 22-jährigen Sohn schließlich eine Stelle im Hofgut Himmelreich ergattert hat. Das Hotel-Restaurant am Eingang des Höllentals war das erste Projekt, das die Ehrenamtlichen von "Thetis" angestoßen haben. In dem so genannten Integrationsbetrieb arbeiten seit zwei Jahren Behinderte erfolgreich mit Nichtbehinderten zusammen.
Das neue Projekt, das Traude Zähringer mit ihrer Heitersheimer Kollegin Renate Kilwing entwickelt hat, will lernbehinderte junge Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt bringen. Damit das funktioniert, wird ihnen ein "Jobcoach" zur Seite gestellt, der beim Einarbeiten helfen und den Kontakt zwischen Arbeitgeber und Kollegen vermitteln soll. Denn "Integration ist keine Gleichmacherei" , betont Renate Kilwing, deshalb sei "eine spezielle Förderung wichtig" . Das neue Modellprojekt im Kreis Breisgau-Hochschwarzwald wird vom Netzwerk Diakonie getragen. Der Landkreis, der Integrationsfachdienst und das Landesintegrationsamt sind ebenfalls beteiligt. Geld kommt aus dem Sozialfonds der EU. Für Arbeitgeber, die lernschwachen Schulabgängern eine Chance geben, kostet das Projekt nichts. Wenn die neuen Mitarbeiter nicht hundert Prozent leisten können, bekommen die Chefs einen finanziellen Ausgleich, erläutert Traude Zähringer. Am Anfang steht ein mehrmonatiges Praktikum, das im besten Fall in eine unbefristete Festanstellung münden soll.
Welche Arbeiten die Projektteilnehmer im Betrieb machen können, ermittelt der Jobcoach vor Ort, "je nach Interesse und Fähigkeiten des behinderten Menschen" , so Renate Kilwing. Viele kleine Aufgaben könnten eine Halbtagsstelle für einen Projektteilnehmer sein, ist sie überzeugt. Hierzu müssen Eltern ihre Kinder aber vom hier zu Lande üblichen Weg abweichen lassen. "Viele sind noch zögerlich" , bedauert Traude Zähringer und schildert, wie Menschen mit Handicap im Ländle gefördert werden: Nach der Förderschule bekommen sie, je nach Fähigkeit, einen Arbeitsplatz in einer Behindertenwerkstatt. Deshalb kämen sie im Alltag nicht behinderter Menschen kaum vor, so Traude Zähringer. "Man sieht sie so selten" , bedauert die 45-Jährige, "dabei täte der Kontakt unserer Gesellschaft mehr als gut." Auch Renate Kilwing meint: "In Sachen Integration sind andere Bundesländer schon viel weiter." So war die Hamburger Arbeitsassistenz zum Beispiel ein Vorbild für ihre Idee vom "Jobcoaching" .

Information: Für Arbeitgeber, die am Modellprojekt "Jobcoaching" interessiert sind, veranstaltet der Verein am Dienstag, 17. Oktober, einen Infoabend. Beginn ist um 19.30 Uhr im Gemeindesaal der Christuskirche in Bad Krozingen, Schwarzwaldstraße 7.

Infos bei Traude Zähringer,
07633/160622 oder E-Mail:
 
TraudeZaehringer@gmx.de.
  http://www.thetis-ev.de
 

Behinderten ein "normales" Arbeitsumfeld bieten 
Die Firma FSM Elektronik in Kirchzarten unterstützt Behinderte und den Verein Thetis, der sich um deren Integration kümmert
Badische Zeitung  07.07.2006
(Bas)

KIRCHZARTEN (bas). "Wir suchen Firmen, die einen Behinderten für ein Praktikum nehmen" , sagt Traude Zähringer, die Vorsitzende des Vereins Thetis, der die Ausbildung und Eingliederung von Menschen mit Behinderung fördern will. Eine Firma ist schon gefunden: die FSM Elektronik in Kirchzarten.

Die Geschäftsführer der Firma FSM, Eugen Molz und Hubert Schlegel spendeten 800 Euro an den Verein Thetis; im Bild die Vorsitzende Traude Zähringer und Stellvertreterin Bärbel Strecker .
(Foto: Schmidt)

Seit vier Jahren arbeitet in dem mittelständischen Betrieb ein geistig behinderter Mann. Erst war er Praktikant, dann haben die Geschäftsführer ihn fest angestellt. "Er arbeitet Vollzeit und hat einen normalen Vertrag" , sagt Eugen Molz, einer der Leiter, und fügt hinzu: "Für uns ist das einfach normal."

Den Verein Thetis unterstützt die Firma mit ihren rund 55 Mitarbeitern seither auch finanziell. Gerade erst haben sie den Ehrenamtlichen wieder 800 Euro überwiesen, den Erlös einer Aktion am Tag der offenen Tür im Mai. "Diese Unterstützung ist ganz toll" , freut sich Bärbel Strecker, die stellvertretende Vorsitzende. Sie weiß: "Behinderte Menschen wollen in der Gesellschaft leben und nicht ausgegliedert werden" . Eingliederung ist das Stichwort: "Wir wollen den Menschen mit Behinderung eine Wahlmöglichkeit bieten" , sagt Traude Zähringer und will, dass jeder zwischen einem "normalen" Umfeld und speziellen Angeboten, wie Behindertenwerkstätten, entscheiden kann. Überall, so sagt sie, gebe es einfache Arbeiten für Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung. Der FSM-Geschäftsführer Hubert Schlegel bedauert, dass vor allem geistig Behinderte "keine Lobby" haben. Dabei habe er mit dem von Thetis vermittelten Angestellten beste Erfahrungen gemacht. "Das ist eine gute Sache" , sagt Schlegel.

Die Beschäftigung eines Behinderten wird laut Traude Zähringer von der Arbeitsagentur oder dem Amt für Integration gefördert. Ihr (behinderter) Sohn arbeitet im Hofgut Himmelreich und "ist dort sehr glücklich" , so die Vorsitzende. Das Hotel und Restaurant ist seit fast zwei Jahren ein Integrationsbetrieb, in dem Behinderte mit Nichtbehinderten zusammenarbeiten. An seiner Gründung war Thetis maßgeblich beteiligt.

Der Verein mit seinen rund 60 Mitgliedern plant ein gemeinsames Projekt mit Landratsamt, Caritas und anderen Sozialträgern. Sie wollen noch mehr Menschen mit Handicap für ein Praktikum in Betriebe bringen. Den Praktikanten soll ein Jobcoach zur Seite gestellt werden. Dafür suchen sie Betriebe im Großraum Freiburg, die einen Praktikumsplatz anbieten.

 

“Die können ja wirklich was leisten”
Im Hofgut Himmelreich diskutierten Vertreter verschiedener Organisationen die Chancen von geistig Behinderten im Arbeitsleben

Badische Zeitung  30.05.2006
Isabella Denk

KIRCHZARTEN-HIMMELREICH.
“Menschen mit Behinderung können arbeiten und sind hoch motiviert, aber sie brauchen unsere Hilfe.” Diesen Worten von Diskussionsleiter Werner Hauser stimmten im Hofgut Himmelreich alle sechs Teilnehmer eines Podiumsgespräches und auch die rund 60 Zuhörer zu. Doch wie sich die Integration von hauptsächlich geistig Behinderten in den allgemeinen Arbeitsmarkt und eine damit verbundene Qualifikation tatsächlich realisieren lassen, dazu wurde auch an diesem Abend kein Patentrezept gefunden, aber Ansätze.

Vertreter der freien und öffentlichen Wohlfahrtspflege, der Stadt Freiburg, der Agentur für Arbeit, von betroffenen Eltern und der Wirtschaft diskutierten über Möglichkeiten einer Eingliederung, und darüber, welche Chancen das Berufsbildungsgesetz, das nun seit einem Jahr in Kraft ist, Menschen mit geistiger Behinderung bietet. Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeitern sind verpflichtet, mindestens fünf Prozent Behinderte zu beschäftigen. Wie Diskussionsleiter Werner Hauser erklärte, arbeiten an rund 90 Prozent dieser Pflichtarbeitsplätze körperbehinderte Menschen.

Außerdem sei nach dem Sozialgesetzbuch IX jeder behindert, “dessen Fähigkeiten mehr als sechs Monate von seinem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen” , erklärte Andreas Hornung von Südwestmetall, “darunter fallen wirklich viele Leute, selbst diejenigen, die nur mal einen Bandscheibenvorfall hatten” , sagte der Rechtsanwalt. Keine idealen Voraussetzungen also für geistig behinderte Menschen, außerhalb von Werkstätten einen Ausbildungs- beziehungsweise Arbeitsplatz zu finden.

Wie Michael Held, Leiter des Sachgebietes für Eingliederungshilfe und Pflege der Stadt Freiburg erklärte, würden viele geistig Behinderte in Werkstätten arbeiten, “die durchaus auch im allgemeinen Arbeitsmarkt einen Platz finden würden” . Wenn geistig Behinderte einen geregelten Arbeitsalltag hätten, “dann sind sie zu durchaus hoch qualifizierten Leistungen fähig” , sagte Held. Daran, dass sich diese Menschen auch gut außerhalb betreuter Einrichtungen zurechtfinden, müsse jedoch früh gearbeitet werden, forderte Traude Zähringer, Vorsitzende von Thetis, eines Vereins für Menschen mit geistiger Behinderung aus Freiburg und dem Dreisamtal.

Außerdem sei eine arbeitsbegleitende qualifizierte Betreuung der Behinderten enorm wichtig. Zähringer, deren Sohn einer von sieben geistig behinderten Auszubildenden im Hofgut Himmelreich ist, weiß, wovon sie spricht: “Es ist wirklich wichtig für ihn, nicht immer in einem behüteten Raum zu sein und wirklich arbeiten zu können.”

Doch woran liegt es, dass so wenig Betriebe geistig behinderten Menschen eine Ausbildung bieten? “Womöglich denken wirklich noch viele, dass diese Menschen nicht geschult werden können” , vermutete Bernhard Pflaum, Mitarbeiter des Regionalbüros Freiburg der Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS). “Schließlich gab es bis Ende der 1960er-Jahre auch keine Schulpflicht für geistig Behinderte” , sagte Ernst Wuttig, Leiter der Werkstätte in Neustadt. Arbeit allein reiche dennoch nicht aus für geistig Behinderte, Qualifikation für den Arbeitsmarkt sei enorm wichtig. “Mit dem neuen Gesetz ist ein Rechtsanspruch auch auf Teilqualifikation entstanden, wenn der Grad der Behinderung das erfordert” , erklärte Hauser, “das ist eine große Chance” .

Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer, dass Betriebe durch ein Berufspraktikum sehen könnten, “dass die Leute wirklich was können” , sagte Hornung. Eine Einstiegshilfe für Behinderte und Betriebe gebe auch die Agentur für Arbeit, sagte deren Mitarbeiter Hermann Heck, “allerdings im Regelfall nur ein Jahr, das geht nicht ein Leben lang” .

Auch sei Transparenz zwischen allgemeinem Arbeitsmarkt und den Werkstätten notwendig, waren sich die Diskussionsteilnehmer einig. “Oft führe nach der Schule eine Einbahnstraße in die Werkstatt” , erklärte auch ein Zuhörer.

Dass es sich um eine schwierige Thematik handle, darin waren sich alle Diskussionsteilnehmer einig, Patentlösungen gebe es keine, “aber wir dürfen nicht müde werden zu missionieren und das Bewusstsein gegenüber Behinderten in unserer Gesellschaft zu ändern” , sagte Werner Hauser.

 

Eine Akademie zur Integration Behinderter 
Eine Spende bildet den Grundstock für ein neues Projekt, welches das Hofgut Himmelreich zur Förderung geistig behinderter Menschen umsetzen möchte

Badische Zeitung  09.01.2006
Monika Rombach

KIRCHZARTEN.
700 Euro spendete “Adi” Oberst zu Jahresbeginn zu Gunsten des integrativen Förderungsprojektes für junge Behinderte im Hofgut Himmelreich. Er legte damit den Grundstock für die kommende “Akademie” des Hofgutes.

Mit seinem Leierkasten leierte Adi Oberst seine ganz private Spendenaktion zugunsten der Integration

“Eine neue Kultur des Miteinanders” liegt der Hofgut Himmelreich GmbH zugrunde, einem Restaurant-Hotel- und gleichzeitigem Integrationsbetrieb für geistig behinderte Menschen ins Arbeitsleben. Der Name “Himmelreich” ist für Geschäftsführer Jürgen Dangl “nicht nur ein Versprechen, sondern ein Versprechen für mehr, für ein Mehr an Miteinander, Toleranz, Gerechtigkeit, Respekt und Wertschätzung füreinander” . Der bisherige Erfolg von Gastronomie und Projekt gibt den Initiatoren Recht.
“Ich habe gesunde Kinder und Enkelkinder” , weiß Tankwart “Adi” Oberst aus Kirchzarten diese Tatsache dankbar zu schätzen. “Und wenn man sieht, was hier möglich ist, muss man einfach helfen” , steht für ihn fest. So leierte er seinen ganz persönlichen Einsatz wortwörtlich an, denn mit seinem Leierkasten besuchte er stundenlang Veranstaltungen, verbreitete Freude, unter anderem auf etlichen Weihnachtsmärkten, und sammelte fleißig Spenden. Auch vor seiner Tankstellenkasse machte eine Sammelbüchse auf das integrative Projekt aufmerksam. Den erreichten Endbetrag rundete er mit einem persönlichen Beitrag auf 700 Euro auf. Mit Freude nahmen Jürgen Dangl und Sophie Neuenhagen, Gastronomie-Projektleiterin, seine Spende entgegen, gibt es doch bereits neue Erweiterungspläne.
“Einem Sprung ins kalte Wasser gleich” wuchs man in die Projektförderung mit der Feststellung hinein, dass mancher Mitarbeiter recht unvorbereitet begann. Mittlerweile hat jeder behinderte Mitarbeiter seinen ehrenamtlichen Arbeitsassistenten zur Seite. Der hilft, Lücken bei Lesen, Schreiben, Rechnen und Umgangsformen zu schließen. “Das ist ein großer Vorteil zur schnellen Eingliederung in die Arbeitsabläufe” , weiß Dangl inzwischen. “Meist sind die Mitarbeiter in drei Wochen fit und machen weiterhin große Fortschritte, für mich immer wieder ein kleines Wunder” , staunt er.
Und so soll das im Grundgesetz festgeschriebene Recht auf Bildung mit der “Akademie” umgesetzt werden, weil “ in behinderten Menschen noch viel mehr drinsteckt und diese Potenziale gefördert werden müssen” . Auf dem Grundstück der zerfallenen Schmiede des Hofgutes soll die Akademie entstehen.
Unter den Aspekten “wie läuft Kommunikation zwischen Behinderten und Nichtbehinderten ab” und “Wie konzipiert man Arbeitsabläufe und -situationen?” wurden für die Bereiche Hauswirtschaft, Gastronomie und Gartenkunde zehn Zieleinheiten entwickelt. Sie müssen nicht als Ganzes erreicht werden, sondern sind individuell einzeln zertifizierbar. Die Zertifizierung übernimmt die IHK Freiburg. Das Konzept sieht so die Vorbereitung Behinderter auf den Arbeitsplatz und auf ihre persönlich erreichbaren Zieleinheiten vor, bietet Allgemeinbildung ähnlich den Volkshochschulen, Teamtraining für integrative Partner und die Vorbereitung und Ausbildung von Arbeitsassistenten. Denn die Idee des Hofgutes Himmelreich soll ihre Fortsetzung in anderen Gastronomiebetrieben finden, die Arbeitsplätze für Behinderte bereitstellen und bei der Bewältigung dieser Aufgabe nicht allein gelassen werden.

Hand in Hand im Himmelreich !
Seit einem Jahr arbeiten auf einem Hofgut bei Buchenbach Behinderte
 und Nichtbehinderte hervorragend zusammen

Badische Zeitung  27.09.2005 
Caroline Leins



Es ist erst ihr vierter Tag, und Sophie Morgenroth ist furchtbar angespannt. „Ich muss noch ein bissle üben“, sagt sie immer wieder. Vor den vielen Getränken, die auf dem Tablett stehen, hat sie Respekt. „Ich bin so aufgeregt. Was, wenn alles runterfällt?“ Sie fasst all ihren Mut zusammen und probiert es doch. Sophie beugt sich über den Tresen, klammert ihre Finger um die Griffe des Holztabletts, ganz vorsichtig, und richtet sich langsam auf. Ein Bitter Lemon, eine Apfelschorle, ein Wasser, zwei Flaschen, drei Gläser – das ist ihre Prüfung. Sie besteht sie. Zehn, zwölf Schritte später hat sie die Damen am Tisch vier bedient. Und keinen einzigen Tropfen verschüttet.
 

Es ist ihr vierter Tag, und Sophie Morgenroth schlägt sich tapfer. Die junge Frau hat das Down-Syndrom. Aber sie arbeitet nicht, wie so viele mit dieser Diagnose, in einer betreuten Behindertenwerkstatt. Die 20-jährige Freiburgerin hat eine tariflich bezahlte Stelle im 500 Jahre alten Hofgut.
Himmelreich bei Buchenbach. In dem Hotel samt Restaurant und Tagungsstätte ist Sophie einer von zehn geistig behinderten Menschen, die 20 Stunden in der Woche Müslischalen abräumen, Kartoffeln schälen, Spätzle servieren, Zimmer saugen, Duschen putzen und Wein ausschenken. Ein behindertes Mädchen für alles – und das auf dem ersten, dem richtigen Arbeitsmarkt. So etwas ist bisher einmalig in Baden-Württemberg.
Seit zwölf Monaten läuft das Projekt „Unbehindert miteinander leben, arbeiten und lernen“. Seit Jahren schon wollte der diplomierte Sozialarbeiter Jürgen Dangl einen so genannten Integrationsbetrieb gründen, in dem behinderte und nicht behinderte Menschen als Team auftreten. Im September 2004 wurde die Idee – auch mit Hilfe des Landeswohlfahrtsverbands – endlich Wirklichkeit. Die Hofgut Himmelreich gGmbH übernahm das traditionsreiche Schwarzwaldhaus zwischen Titisee und Freiburg. Nur wenige Tage später saßen die ersten Gäste bei Rumpsteak und Kirschtorte auf der Terrasse des Guts.
„Es ist vom ersten Tag an rundgegangen“, sagt der Hoteldirektor Christoph Biber. Der Träger hat sechs Hotelfachkräfte und sechs Behinderte eingestellt: Fachkräfte, die nie zuvor Kontakt hatten mit Behinderten. Und Behinderte, die meist direkt von der Schule kamen, ohne Erfahrung in der Arbeitswelt und schon gar nicht in der Gastronomie. Zeit sich zu beschnuppern blieb keine. „Wir sind ins kalte Wasser gesprungen“, sagt Biber. „Es ist erstaunlich. Aber es hat sofort funktioniert.“
Von Anfang an sind Nichtbehinderte und Behinderte im Himmelreich Hand in Hand gegangen. Natürlich: die einen haben zunächst einmal erklärt, die anderen haben zugeschaut. „Aber das hier ist kein betreutes Arbeiten“, sagt Jürgen Dangl und betont seine Worte scharf. Die behinderten Angestellten seine genauso wertvoll und vollwertig wie die nicht behinderten. „In jedem von ihnen stecken Fähigkeiten, die wir entdecken und fördern müssen“, sagt er. Aus diesem Grund hat das Hotel einige ehrenamtliche Helfer, die sich ein paar Stunden in der Woche um das behinderte Personal kümmern, sich Übungen ausdenken und vermitteln, wenn mal schlechte Stimmung herrscht zwischen den ungleichen Kollegen.
Oft ist es diesen Helfern zu verdanken, dass Jürgen Dangl Erfolgsgeschichten wie jene von Linda erzählen kann, einem Mädchen mit Down-Syndrom, das sie beinahe weggeschickt hätten. Auch nach Wochen hatte sie es nicht geschafft, ein Hotelzimmer in Ordnung zu bringen – zu vergesslich, zu nachlässig sei sie gewesen. Bis zu jenem Tag, an dem ihre ehrenamtliche Assistentin für sie einen Zettelkasten bastelte. Sie malte Symbole auf, eines für die frischen Handtücher, eines fürs Toilettenpapier, noch eines für die Fenster, die beim Lüften geöffnet werden müssen. Am Ende hielt Linda für jedes Zimmer eine Checkliste in den Fingern – und die konnte sie mühelos abhaken. „Es war unglaublich“, sagt Dangl. „Nach zwei Wochen hat Linda die Zettel nicht mal mehr gebraucht.“ Das Mädchen ist immer noch dabei.

Einheimische und Gäste zeigen sich überaus offen

Auch Heike Kromer tut das. „Ich bin seit dem ersten Tag dabei“, sagt sie voller Stolz und berichtet fast im gleichen Atemzug, dass sie nächste Woche 22 Jahre alt wird. Am Anfang, erzählt sie, sei sie genauso aufgeregt gewesen wie ihre neue Kollegin Sophie. Aber jetzt weiß sie selbst, was wann und wie geschrubbt oder aufgeräumt werden muss, wie viele Betten im Himmelreich stehen – nämlich 30 –, wie viele Gäste im Restaurant Platz haben (80) und wie viel ein Doppelzimmer kostet (70 Euro). „Die Heike ist fast schon ein Profi“, sagt die zweite Sophie auf dem Gut: Sophie Neuenhagen (28), die Leiterin des Projekts. Sie organisiert die Verwaltung und ist verantwortlich für die Integration der jungen Behinderten.

Heute, ein Jahr nach dem ungewissen Start, arbeiten elf Fachkräfte und zehn Behinderte in dem Schwarzwaldhotel. Das Geschäft läuft gut, und deshalb werden im Mai nächsten Jahres drei weitere Behinderte eingestellt. An die Stelle der Skepsis der ersten Zeit sind Zuspruch und Bewunderung getreten. „Die Einheimischen und die Touristen sind so offen, dass wir immer wieder überrascht sind“, sagt Jürgen Dangl. Selbst Sophie, die mit noch zaghaften Handgriffen an ihrem vierten Arbeitstag die Teller im Speisesaal abräumt, spürt nur Wohlwollen bei den Gästen. „Es macht doch keinen Unterschied, von wem man bedient wird“, sagt eine der Ausflüglerinnen am Tisch.
Probleme gibt es dennoch im Himmelreich. „Manchmal“, sagt Christoph Biber nach langem Überlegen, „ist es schwierig mit den gemächlichen Gemütern der Behinderten. Sie lassen sich nicht aus der Ruhe bringen, ob nun zehn Leute da draußen auf ihr Essen warten oder hundert.“ Dann lacht der Hoteldirektor. „Aber ist das so schlimm?“
 

Größtmögliche Selbständigkeit !
Thetis" trägt zur Ausbildung und Eingliederung bei
 Schon 15 Vermittlungen

Dreisamtäler 14.01.2005
Gerhard Lück  

Kirchzarten.  Im „Hofgut Himmelreich" wird gelebt, was seit 1998 erklärtes Ziel des Vereins „Thetis" ist. Hier haben inzwischen sechs Menschen mit Behinderung einen festen Arbeitsplatz bekommen, erhalten einen tariflichen Lohn und kümmern sich gemeinsam mit nichtbehinderten Kolleginnen und Kollegen um das Wohl der Gäste. „Anliegen unseres Vereines ist es", erklärt die neue Vorsitzende von „Thetis", Traude Zähringer, „Menschen mit Behinderung im Großraum Freiburg durch die Teilnahme an einem möglichst normalen Berufsleben in unsere Gesellschaft zu integrieren. "Seit seiner Gründung vor sechs Jahren hat „Thetis", der „Verein zur Förderung von Ausbildung und Eingliederung behinderter Menschen", bereits 15 Menschen mit Behinderung in feste Arbeitsplätze vermittelt. Der nach dem Namen der „Göttin der Behinderten" benannte Verein ist der Überzeugung, das behinderte Menschen die Möglichkeit haben sollten, bei ihrer Lebensplanung mitzubestimmen. „Wir wollen helfen", so Bärbel Strecker, eine der beiden stellvertretenden Vorsitzenden,  „dass Behinderte dort leben, lernen und arbeiten können, wo sie zu Hause sind und nicht aus dem wohnortnahen Erlebnisbereich ausgeschlossen werden." Durch Integration könne ihr Selbstwertgefühl gesteigert werden. Die Vereinsmitglieder von „Thetis" sind stolz darauf, dass sie an der Verwirklichung des integrativen Projektes im, Hofgut Himmelreich" intensiv mitgewirkt haben. Doch das genügt noch nicht. Sie suchen drin­gend weitere integrative Arbeitsplätze, die sie sich zum Beispiel in der Gastronomie, in der Landwirtschaft, im Gartenbau oder in der Wäscherei vorstellen können. Arbeitgeber, die sich vorstellen können, Behinderte im Betrieb zu beschäftigen, sollten sich bald mit „Thetis" in Verbindung setzen. Im Gespräch können alle vorhandenen Fragen geklärt werden. Vereinsmitglieder helfen bei der; Einarbeitung und stehen als Partner Verfügung. Im Rahmen eines Praktikums könnte auch zunächst geprüft werden, ob ein Arbeitsplatz für Menschen mit Behinderung geeignet ist. Für Traude Zähringer ist wichtig dass ihre Arbeit nicht als Affront gegen die gute Arbeit in Behindertenwerkstätten verstanden wird  „Wir wollen dazu eine Alternative anbieten." Bei „Thetis" können alle  interessierten Menschen Mitglied werden. Sie müssen nicht behindert sein oder unmittelbar mit behinderten Menschen zusammen leben. Wer sich mehr für die Arbeit von „Thetis interessiert kann sich mit der Vorsitzenden Traude Zähringer, In den Gärten 3, 79238 Ehrenkirchen, T Fax: 07633-160622 oder Bärbel Strecker, Höfener Straße 93, 79199 Kirchzarten, Tel.: 07661-5673 in Verbindung setzen. Spenden an den Verein können steuerlich, abgesetzt werden.



Der neue Vorstand von  „Thetis"   (v.L.)
 Dorothea Bohler ,  Stellvertretende Vorsitzende ;  Karl Dietrich  ,  Kassierer ;  Traude Zähringer , Vorsitzende
 Bärbel Strecker , Stellvertretende Vorsitzende und Inge Kromer  ,  Schriftführerin
 

"Ein Glücksfall" für alle Beteiligten"
Nach drei Monaten Einarbeitungszeit wurde der Integrationsbetrieb Hofgut Himmelreich offiziell eingeweiht
Badische Zeitung  25.11.2004 
Alexandra Wehrle

KIRCHZARTEN. "Mit Ermüdungserscheinungen hatten wir öfters zu kämpfen", sagte Jürgen Dangl bei der offiziellen Einweihung des Integrationsbetriebs "Hofgut Himmelreich" vor rund 150 Gästen. Aber inzwischen läuft der Gastronomiebetrieb, in dem geistig behinderte mit nicht behinderten Menschen zusammenarbeiten, seit drei Monaten.

Dangl ist Initiator und ehrenamtlicher Geschäftsführer der gemeinnützigen GmbH, die den Integrationsbetrieb führt. Er dankte seinen vielen Unterstützern und Wegbegleitern und erinnerte an die wechselvolle, manchmal "schmerzliche" Geschichte seiner Idee bis zur Verwirklichung. Nachdem endlich das Hofgut als Ort gefunden war, musste Dangl noch lange Geld sammeln und verhandeln, bis die GmbH das Gebäudeensemble kaufen konnte. Mehrmals wurde der Vertragsschluss mit den Fauler-Erben verschoben, mehrmals wurden die Mitarbeiter gekündigt und wieder eingestellt. "Ich lief Gefahr, selber unglaubwürdig zu werden", sagte Dangl. Doch dann entschieden sich die Fauler-Erben, das Projekt zu unterstützen und den Kaufpreis zu senken. Zuschüsse, Spenden und Kredite taten ein Übriges. "Aber das ist erst der Anfang auf dem Weg zur Selbstverständlichkeit eines selbstbestimmten Lebens von geistig Behinderten", so Dangl. Als nächstes ist ein Um- und Ausbau des Hofguts geplant. Im Januar 2005 sollen sechs Mitarbeiter einen Vertrag nach dem Gaststättentarif erhalten, ab 2006 weitere sieben. Drei weitere sollen 2005 die Probezeit beginnen.
Positiv überrascht sei er, wie gut dank der Arbeitsbegleiter die Zusammenarbeit zwischen behinderten und nicht behinderten Angestellten funktioniere. Viele Gäste, darunter Politiker, sozial Engagierte und Eltern von Behinderten waren gekommen, um zu gratulieren, sich bei Dangl zu bedanken und das edle Büfett zu genießen.
Eckhard Schwarz, der Vorsitzende des Aufsichtsrats der gGmbH, sagte, das Hofgut sei eine wichtige Einrichtung. Bürgermeister Georg Wilhelm von Oppen meinte mit Blick auf die lange ungeklärte Zukunft des Hofguts: "Im Grunde ist es ein Glücksfall, dass sich diese Konstellation gefunden hat." Die Gemeinde Kirchzarten hat das Projekt über ihr Dr.-Gremmelsbacher-Hilfswerk finanziell unterstützt. Von Oppen wies darauf hin, dass die Gastronomie derzeit kein einfacher Zweig sei. Umso wichtiger sei die Professionalität, die durch das Führungsteam gewährleistet sei.
Hotelberater Erhard Trotter bestätigte: "Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gestellt." Die ersten zweieinhalb Monate seien aber ermutigend verlaufen. Ursula Löfflmann als Vertreterin der Fauler-Erben betonte, dass das Projekt ein Gemeinschaftswerk sei, für das viel Durchhaltevermögen nötig gewesen sei. Am 25. August habe sie zu Dangl gesagt, er solle am 1. September beginnen. "Man muss einfach anfangen", meinte sie und zeigte sich überzeugt, dass Gäste kommen.
Franz Kromer, Vertreter der Eltern und Mitglied des Aufsichtsrates, war skeptischer angesichts der Euphorie. "Ich hoffe, dass sie anhält." Es sei bekannt, dass sich nicht alle Leute von behinderten Menschen bedienen lassen wollen. Diese Haltung abzubauen, sei eine große Aufgabe. Alles Gute wünschten Jürgen Rollin vom Diakonischen Werk, der Landtagsabgeordnete Gustav-Adolf Haas, Krystian Dittmann vom Landeswohlfahrtverband und Traude Zähringer vom Verein Thetis. Pfarrer Erik Stier überreichte eine Spende von der Kirchengemeinde Hinterzarten, Gerhard Strittmatter einen Scheck von der Sparkasse.

Jürgen Dangl nahm bei der Einweihung des Integratrionsbetriebes "Hofgut Himmelreich" eine Spende der Sparkasse entgegen, die Gerhard Strtittmatter überreichte. Mit Musik umrahmten die Schwestern Naomi und Ela Nägele die Einweihung des Betriebes. Naomi Nägele ist eine der 13 Behinderten Mitarbeiter des Hofguts.
 

Der andere Lebensmittel-Supermarkt
Behindertenwerkstätten wagen sich ins umkämpfte Geschäft mit Lebensmitteln

Badische Zeitung  21.10.2004
Christian Mörsch

KARLSRUHE. Der Konkurrenzkampf im Lebensmitteleinzelhandel ist beinhart. Trotzdem eröffnet die Genossenschaft der Werkstätten für Behinderte neue Lebensmittelmärkte. Seit heute gibt es ein Geschäft in Bad Dürrheim.

Wenn Corinna Ehret (24) an der Supermarktkasse sitzt, muss sie konzentriert sein, sonst übersieht sie den Sonderpreis für die Essiggurken und riskiert Ärger mit dem Kunden. Freundlich muss sie auch sein, vor allem aber schnell. Die Kunden wollen schließlich nicht länger als nötig in der Kassenschlange stehen. Ehret ist all das - und sie ist körperlich und geistig behindert. Die Menschenschlange schiebt sich an der knapp 1,40 Meter großen Frau vorbei, die auf ihrem Drehstuhl sitzt und die Waren über den Strichcodeleser jagt. Manche Kunden wirken irritiert. Solange, bis ihnen Ehret Wechselgeld und Quittung in die Hand drückt und sie mit einem fröhlichen "Tschüs, schönen Tag!" verabschiedet.

Ehret arbeitet gemeinsam mit zwölf anderen schwerbehinderten Menschen und sieben Menschen ohne Behinderung im CAP-Markt in der Karlsruher Kaiserallee. Er ist Teil einer Kette von Märkten mit dem Namen "CAP . . . der Lebensmittelpunkt." CAP kommt von Handikap. In jedem Markt arbeiten mindestens 40 Prozent Schwerbehinderte, so genannte Integrationskräfte, aktuell insgesamt rund 230 Menschen. Dazu kommen noch Funktionskräfte - Menschen ohne Behinderung. Angeboten wird ein Vollsortiment von etwa 7000 Produkten. So viele bietet auch ein HL- oder Edeka-Markt an. Das Sortiment von Aldi umfasst nur knapp rund 1000 Produkte. Auch die Preise im CAP-Markt sind handelsüblich.

In Hamburg, Bayern, Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern gibt es Ableger der Kette. Die meisten CAP-Märkte bestehen in Baden-Württemberg und da besonders im Raum Stuttgart. 1999 eröffnete der erste Markt in Herrenberg. Heute eröffnet in Bad Dürrheim Markt Nr. 22. Und die Kette wächst weiter: "Ich denke, dass wir 2005 zwischen zehn und 15 Märkte eröffnen werden", sagt Thomas Heckmann von der Genossenschaft der Werkstätten für Behinderte (GDW) in Sindelfingen. Sie koordiniert das Projekt, verhandelt mit den Lieferanten die Konditionen für den Einkauf der Waren, kümmert sich um Marketing und Werbung. Ansonsten ist jeder Markt eigenständig. Betreiber sind meist örtliche Behindertenwerkstätten, aber auch die Caritas ist darunter. Sie tragen ein beachtliches betriebswirtschaftliches Risiko: 500 000 Euro hat etwa das Beschäftigungszentrum Karlsruhe investiert, als es im vergangenen Mai den Markt in der Kaiserallee eröffnete. Doch ist das Projekt CAP-Markt finanziell tragfähig? Fragt man bei der GDW, lautet die Antwort ja. "Grundgedanke des Projekts ist es, behinderten Menschen Arbeitsplätze zu bieten", sagt Heckmann, "aber die Märkte müssen eine schwarze Null schreiben. Und das tun 90 Prozent von ihnen." Der Umsatz aller Märkte habe im vergangenen Jahr über 20 Millionen Euro gelegen. Zahlen zum Gewinn möchte Heckmann nicht nennen. Die CAP-Strategie sei es, in leer stehende Supermarktgebäude zu ziehen und zwar in Wohngebieten, aus denen sich die großen Handelsketten und Discounter zurückgezogen haben.

Josef Lachner, Einzelhandelsexperte vom Ifo-Institut in München, hat Zweifel an dieser Strategie. "Wenn noch Nachfrage besteht, ist es unwahrscheinlich, dass eine Supermarktkette ein Wohngebiet verlässt." Die GDW geht von einem Mustermarkt mit 500 Quadratmetern Verkaufsfläche aus. Das findet Lachner zu klein. Erst ab 1500 Quadratmetern sei es wirklich sinnvoll, ein Vollsortiment anzubieten. "Es ist schon verwunderlich, dass diese Läden sich finanzieren sollen", sagt Lachner. Der Lebensmittelmarkt sei ein sehr schwieriges Feld mit niedrigen Gewinnspannen und einem harten Verdrängungswettbewerb. "Es kommt nicht von ungefähr, dass viele Ketten zur Zeit Probleme haben. Und das sind Profis." Lachners Kollege Martin Werding, Ifo-Experte für soziale Dienste Sozialpolitik, spricht von einer "gigantischen Leistung, wenn sich das trägt". Schließlich müsse auch ein Supermarkt wie CAP zwingend konkurrenzfähige Preise haben. "Sie kriegen die Kunden nicht mit Mildtätigkeit
 

Fair miteinander umgehen lernen 
Das Hofgut Himmelreich, das von Behinderten und nicht Behinderten gemeinsam geführt wird, lud zum "fairen Frühstück" ein

Badische Zeitung  01.10. 2004
Monika Rombach

KIRCHZARTEN. Zwischen "hmm, das schmeckt so frisch und gut ", "guter Ansatz, diese Umsetzung zum Thema fairer Handel" und "Ihrem erstaunlichen Betriebskonzept wünschen wir guten Erfolg" bewegte sich die Stimmungslage zum "fairen Frühstück" im Hofgut Himmelreich. "Fast eine Matineeatmosphäre", wertete es Christoph Biber, Leiter des Integrationsbetriebes.

Der baden-württembergische Dachverband Entwicklungspolitik regte landesweit zu 100 fairen Frühstücken an 100 außergewöhnlichen Orten" an. Die Aktion "Eine Welt Kirchzarten" griff gemeinsam mit dem Hofgut Himmelreich diese Anregung auf. Die Gäste, darunter viele Familien mit Kindern, ließen sich das Frühstücksbüffet im traditionsreichen Hofgut Himmelreich munden. "Es hat geschmeckt, die Geselligkeit war wunderschön!" oder "Soziales mit Genuss verbinden ist eine tolle Idee und unterstützenswert!", lauteten ihre Kommentare. Wobei nicht allein die Fairness des Handels gemeint war.

Für "fair" steht auch das Konzept der Betreibergesellschaft Hofgut Himmelreich, die seit 1. September 2004 den Betrieb, einen Integrationsbetrieb mit Hotel und Restaurant, mit sechs Vollzeitkräften und sechs Behinderten führt. Das Haus verfügt über 15 Zimmer, 25 Betten, es ist durchgehend geöffnet und öffnet ab 7.30 Uhr sein Frühstücksbüfett. Nach positiver Eignungsfeststellung werden behinderte Arbeitskräfte fest eingestellt und nach normalem Hotel-und Gaststättentarif bezahlt. Ziel der gemeinnützigen Gesellschaft ist es, in den kommenden zwei Jahren 13 Arbeitsplätze für Behinderte zu schaffen. Als ehrenamtlicher Geschäftsführer konnte Jürgen Dangl gewonnen werden.

Auch an die Einrichtung einer Akademie zur Schulung externer Nichtbehinderter und Einarbeitung externer Behinderter theoretisch und praktisch wurde ebenfalls gedacht. Zunächst aber muss der Betrieb wirtschaftlich arbeiten.

"Wir setzen auf das Konzept "frische heimische Produkte zu akzeptablen Preisen" und beziehen, was möglich, aus nächster Umgebung", gibt Christoph Biber, der 15 Jahre als Direktor den "Alemannenhof" in Titisee/Hinterzarten geführt hatte, Auskunft. Kirchzartens "Eine Weltladen" ist Einkaufsquelle ebenso wie regionale Höfe, Schwarzwälder Getränkehersteller, Obst- und Gemüsebauern. Muss etwas repariert oder erneuert werden, sollen das Handwerksbetriebe aus nächster Umgebung erledigen. Fair handeln können auch alle Gäste, die diese Innovationen mit ihrem Aufenthalt unterstützen.

Ein aktuelles Video über die Kaffee-Kooperative Uciri in Mexico beschloss die morgendliche Aktion. 2300 Kaffee-Kleinbauern aus 53 Dörfern sind darin zusammengeschlossen und werden von der Gepa, der größten Organisation für fairen Handel, betreut. Ihre Ziele sind biologische Kaffeeerzeugung in bester Qualität und unter hoher sozialer Verantwortung.

 

Zur korrekten Ausbildung im Hotel- und Gaststättengewerbe gehört im Hofgut Himmelreich auch gekonnter freundlicher Service, wie ihn Barbara hier vorführt.

 

 

Behinderte im normalen Arbeitsablauf integriert
Der Gasthof Hofgut Himmelreich ist seit 1.September ein Integrationsbetrieb

Dreisamtäler 09.09.2004
Gerhard Lück  

Kirchzarten (glü.) Zwei Tage vor der Eröffnung war Heike Kromer total geschafft. Obwohl ihr Arbeitsvertrag erst ab 1. September gilt, ließ sie es sich nicht nehmen, bei den Vorbereitungen zur Übernahme des Gastronomiebetriebes im Hofgut Himmelreich zu helfen. Mit großem Eifer spülte sie Hunderte von neuen Weingläsern und Krügen. Heike Kromer ist behindert, sie hat das Down-Syndrom und gehört mit fünf anderen geistig Behinderten Menschen zur „Gründungsbelegschaft". Die Hofgut Himmelreich gGmbH ist seit wenigen Tagen Betreiberin des denkmalgeschützten Gasthauses zwischen Bahnhof und B 31. Für deren ehrenamtlichen Geschäftsführer Jürgen Dangl ist mit der Eröffnung ein Traum in Erfüllung gegangen. Seit Jahren wünschte er sich, Menschen mit Behinderung in ganz normale Arbeitsprozesse einzugliedern. Und da der ehemalige Diakonie-Kreisgeschäftsführer seit einiger Zeit im (Un-)Ruhestand lebt, konnte er sich mit ganzer Kraft dem Projekt Himmelreich widmen. Der Verein Thetis, der sich ebenfalls die Integration Behinderter in normale Arbeitsprozesse zum Ziel gesetzt hat, unterstützt ihn. Nach dem Weggang des letzten Pächters wurde das Hotel-Restaurant von der Treugast-Gesellschaft verwaltet und auf Sparflamme geführt. Jetzt bringen die Behinderten und ihre gelernten Fachkollegen neuen Schwung in den Betrieb. Als Direktor hat die gGmbH den langjährigen Chef des Alemannenhofes in Hinterzarten, Christoph-Biber, gewinnen können Der Vierzigjährige suchte nach erfolgreichen Jahren im Schwarzwald eine neue Herausforderung. „Dieses Projekt ist für mich maßgeschneidert", erzählt er dem „Dreisamtäler" voller Begeisterung, „meine Frau und ich haben uns schon immer für Schwächere in der Gesellschaft engagiert Ich will hier ein schönes Team mit Menschen mit und ohne Behinderung  aufbauen." So hat er fünf  Hotel-und Küchenfachleute eingestellt, die nicht nur ihr Handwerk können, sondern sich auch auf die Zusammenarbeit mit Behinderten, einlassen wollen. Angefangen .hat der Betrieb jetzt mit sechs Behinderten, die im Service, in der Küche, im Zimmerservice und im Außenbereich arbeiten. Im Januar und Mai kommen jeweils vier hinzu. In zwei Jahren sollen 13 Behinderte dort einen festen Arbeitsplatz  gefunden haben. . Klar ist für Biber und Dangl, dass der Gastronomiebetrieb Himmelreich keine soziale Einrichtung, keine beschützende Werkstatt ist. Hier muss jede und jeder mit den ihr und ihm eigenen Fähigkeiten seinen Job machen. Deutlich wird das auch in der Bezahlung. Alle Angestellten werden nach dem Tarif des Hotel-und Gaststättengewerbes bezahlt. Sie haben die Fünf-Tage-Woche, in der die Behinderten 20 Stunden arbeiten. Zu tun gibt es viel. Das Restaurant hat 140 Plätze und die Terrasse zusätzlich nochmals 80. In den 15 Doppelzimmern stehen 30 Betten. Täglich ist der Betrieb von 7 bis 23 Uhr geöffnet und warme Küche gibt es von 12 bis 14:30 und von 17:30 bis 21:30 Uhr. der Speisekarte stehen regionale badische Gerichte und Weine von hier zu vertretbaren Preisen. Im Moment hat die Hofgut Himmelreich gGmbH den Betrieb von der Erbengemeinschaft Fauler gepachtet. Doch sobald die Finanzierung durch Landeswohlfahrtsverband, Aktion Mensch, El Bank und Herzenssache nicht versprochen, sondern handfest wird das Netzwerk Diakonie Hofgut kaufen und die gGmbH dann Betriebsträger.  Ab 1. Januar 2005 wird dem ganzen Unternehmen in der  benachbarten Scheune eine "Akademie" angegliedert. Hier sollen Mitarbeiter (innen) mit und ohne Behinderung in Workshops auf die gemeinsame Arbeit vorbereitet und weitergebildet werden. „Wir möchten schließlich Nachahmer finden", hofft Christoph Biber, „und denen wollen wir unsere Erfahrungen  weiter geben."


 

Eine Herberge für die Integration
Im "Hofgut Himmelreich" sollen geistig Behinderte eine Chance zur Arbeit und zur Weiterbildung bekommen

Badische Zeitung 26,02,2004
Alexandra Wehrle

KIRCHZARTEN. Geistig behinderten Menschen im Arbeitsmarkt einen Platz zu verschaffen und ihnen zu einem möglichst selbständigen Leben zu verhelfen, das ist das Ziel des in Baden-Württemberg einmaligen Projekts "Hofgut Himmelreich". Das bisherige Gasthaus "Himmelreich" soll in ein Restaurant und Hotel mit Tagungsstätte und Weiterbildungsmöglichkeiten verwandelt werden

Der ehrenamtliche Geschäftsführer der eigens gegründeten gemeinnützigen GmbH, Jürgen Dangl, erklärt, wie die Idee umgesetzt werden soll. Danach gründet das Projekt, das das Diakonische Werk mit dem Verein Thetis in Buchenbach entwickelt hat, auf drei Säulen: ein klassischer Integrationsbetrieb, eine "Akademie" und ein Netzwerk, das den Gedanken des selbstständigen Lebens für Behinderte verbreiten soll.

Der Integrationsbetrieb besteht aus einem Restaurant, einem Hotel mit 30 Betten und zwei Tagungsräumen. Hier sollen 13 behinderte Mitarbeiter mit drei oder vier nicht behinderten zusammenarbeiten, und zwar, wie Dangl betont, "auf gleicher Augenhöhe". Sie sollen nicht Betreuer und Betreute, sondern Kollegen sein. Die Behinderten - meist mit Downsyndrom - haben nach dem Konzept versicherungspflichtige 50-Prozent-Stellen und werden nach Tarif bezahlt. Ehrenamtliche Arbeitsassistenten, etwa von Thetis, unterstützen die Behinderten und ziehen sich nach und nach zurück, wenn diese sich eingearbeitet haben. Für Konfliktfälle bleiben sie weiterhin feste Ansprechpartner.

Dangl betont, dass der Gastronomiebetrieb wirtschaftlich angelegt sei: Der Gast zahle normale Preise. "Er soll nicht aus Barmherzigkeit hingehen", so Dangl, sondern weil er eine Leistung in Anspruch nehmen wolle. Nicht alle Aufgaben können die geistig Behinderten übernehmen, weiß Dangl, aber mehr, als man ihnen gemeinhin zutraue. Richtige Förderung setze ungeahnte Potenziale frei. Für Menschen etwa mit Downsyndrom sei der Weg von Frühförderung über Sonderkindergarten, Sonderschule und Behindertenwerkstatt bis ins Wohnheim oft vorgezeichnet. Diesen vermeintlichen Automatismus gelte es zu durchbrechen.

Die Hofgut Himmelreich gGmbH, deren Alleingesellschafter der Verein Netzwerk Diakonie in Kirchzarten ist, möchte deshalb mit einer "Akademie" Behinderte in den Bereichen Hauswirtschaft, Gartenbau und Gastronomie weiterbilden und später in reguläre Arbeitsverhältnisse vermitteln. Die Ausbildung soll in Modulen erfolgen, die die Behinderten nach eigenen Wünschen und nach ihrem persönlichen Rhythmus absolvieren können. So werden rund zehn Module im Bereich Gartenbau angeboten, etwa "Rasenpflege" oder "Mähmaschinen". Die Gesellschaft strebt eine Zertifizierung der Module durch die Industrie- und Handelskammer oder durch das Regierungspräsidium an - also laut Dangl "kein selbst gestricktes" Zeugnis, sondern eins, das Vergleichbarkeit schafft und offiziell anerkannt ist. Mit diesen Zertifikaten sollen sich die Behinderten auf dem Arbeitsmarkt bewerben können. Es sei nicht Ziel, dass sie ihr Leben in Himmelreich verbringen.

"Die Endidee ist eine Öffnung der Berufsschulen auch für geistig Behinderte." Jürgen Dangl

Modulare Ausbildungen für geistig Behinderte seien in Deutschland einzigartig, erklärt Dangl. Geplant sei, einen Arbeitskreis mit Vertretern von Behinderten und Berufsschulen zu gründen. "Die Endidee ist eine Öffnung der Berufsschulen auch für geistig Behinderte", sagt Dangl, etwa im Bereich Gartenbau, wenn gerade die entsprechende Unterrichtseinheit angeboten werde: "Aber das ist noch Zukunftsmusik."

Die Idee, "ein höchstmögliches Maß an Selbstverantwortung dem Behinderten zu übertragen", soll ein dafür entwickeltes Netzwerk verbreiten. "Wir wollen Erfolgsgeschichten publizieren", erklärt Dangl. Ängste von Eltern sollen abgebaut werden, damit diese ihre behinderten Kinder nicht doch lieber vorsichtshalber ins Wohnheim geben, für den Fall, dass sie selber einmal nicht mehr für sie sorgen können. "Unser Ansatz ist: Nicht das Wohnheim ist die Alternative, sondern betreutes Wohnen."

Mit diesem Konzept findet die Hofgut Himmelreich gGmbH bei Behinderten und ihren Eltern großes Interesse. Bewerbungen seien "in Massen" eingetroffen, so Dangl. 1,8 Millionen Euro sind für das Projekt veranschlagt. Die Hälfte davon übernehmen der Landeswohlfahrtverband Baden und die "Aktion Mensch". Der Rest soll durch Spenden, private zinslose Darlehen und Bankkredite aufgebracht werden. Sponsoren zu suchen, so Dangl, "ist im Moment meine Hauptaufgabe".

Über Spenden und private Darlehen sind bisher je 50 000 Euro eingegangen, das jeweils Doppelte ist angestrebt: "Das ist Mitvoraussetzung, dass wir's kaufen können." Der Kauf des Hofguts mit seinen diversen Nebengebäuden und einer Jakobuskapelle sei notwendig, damit man unabhängig agieren könne. Bis 31. März müsse der Vertrag unterschrieben sein.

Kann das Hofgut gekauft werden, soll es - soweit es die denkmalgeschützte Bausubstanz zulässt - behindertengerecht umgebaut werden. Die Bauerngaststube bleibe erhalten. Am 15. April könnte der Betrieb beginnen. "Der Rückhalt in der Bevölkerung ist hier sehr hoch", freut sich Dangl, "auch von der politischen Gemeinde."

Hofgut Himmelreich gGmbH: Telefon 07661/ 3440,
E-Mail: dangl.dwnetwork@t-online.de.
Spendenkonto 4050613, Sparkasse Hochschwarzwald, BLZ: 68051004.


 

Dreisamtäler 27.02.2003




Badische Zeitung vom Freitag, 28. Juni 2002

Als vollwertig akzeptiert werden

Der Förderverein "Thetis" hilft behinderten Menschen bei der Eingliederung in die Arbeitswelt / Ein eigenes Haus als Wunsch

KIRCHZARTEN . Dass Menschen mit Behinderungen dort leben, lernen und arbeiten sollen, wo sie zu Hause sind, ist eine der wesentlichen Aufgaben des Vereins für Förderung von Ausbildung und Eingliederung behinderter Menschen, kurz "Thetis" nach der Göttin der Behinderten genannt. Der seit 1998 bestehende Verein kümmert sich um junge Menschen, die mit Behinderungen ihr Berufsleben nicht unbedingt in anonymen großen Anstalten verbringen wollen, und auch darum, dass auch Behinderte die Möglichkeit haben, ihre Lebensplanung mitzubestimmen. Thetis-Vorsitzende Monika Pohlmann weist darauf hin, dass es auch ein weiteres Ziel sei, den Berufswünschen behinderter Jugendlicher und deren Eltern soweit wie möglich Rechnung zu tragen. Dies steht im Mittelpunkt der derzeitigen Arbeit von Thetis. Es werde versucht, Behinderte, wenn es irgendwie möglich ist, in ein normales Berufsleben zu integrieren und dadurch das Selbstwertgefühl dieser Menschen zu steigern. Nachdem im vergangenen Jahr bereits ein Arbeitsplatz für einen 19-jährigen Behinderten in der Wagensteiger Firma Wandres gefunden wurde, konnte jetzt Monika Pohlmann einen weiteren Erfolg verbuchen: In der Firma FMS-Elektronik in der Scheffelstr aße in Kirchzarten hat der 19-jährige Felix Eith einen Arbeitsplatz erhalten. "Ich bin gut aufgenommen worden und freue mich jeden Tag auf die Arbeit", stellte Felix Eith fest, der als technische Hilfskraft eingestellt wurde. Er ist hauptsächlich mit Montagearbeiten betraut und nach seinen Worten in die Firma voll integriert. Für Eugen Molz war es selbstverständlich, zusammen mit seinen weiteren zwei Gesellschaftern etwas für Behinderte zu tun. Zunächst boten sie ein Praktikum für Felix Eith an in der Absicht, eine entsprechende Stelle für Behinderte in ihrem Betrieb auszuweisen. "Für uns war es Neuland und wir mussten auch zuerst Erfahrungen sammeln," sagt Egon Molz und bereut heute diesen Schritt nicht. Er bezeichnet es als eine gesellschaftliche Verpflichtung, sofern es möglich ist, Behinderte im Betrieb aufzunehmen und zu integrieren. Monika Pohlmann weiß aus den Erfahrungen bei der Arbeitsplatzsuche von Behinderten, dass sie in den Betrieben stets gut aufgenommen werde. Viele Firmen, die entsprechende Arbeitsplätze nicht zur Verfügung stellen könnten, würden dann entsprechende Spendengelder für die Arbeit von Thetis zur Verfügung stellen. Thetis, die eng mit dem Verein Netzwerk Diakonie in Kirchzarten zusammenarbeitet, möchte zur Verwirklichung ihrer Ziele in der nächsten Jahren ein Projekt anstreben. "Wir suchen ein verkehrsgünstig gelegenes Haus im Dreisamtal, in dem der Betrieb eines Hotels Garni möglich ist, sowie je nach Größe Nebenerwerbsb etriebe in denen wie zum Beispiel Café oder Teestuben, einen Mangelbetrieb undähnliches untergebracht werden können, so Monika Pohlmann zu ihren unschvorstellungen. Das Haus soll außerdem die Möglichkeit zum Wohnen für zwei bis vier behinderte Menschen bieten, ferner als Treffpunkt für Behinderte und Nichtbehinderte in der Freizeit dienen. Wie es in anderen Betrieben auch der Fall ist, soll die Möglichkeit zur Weiterbildung vorhanden sein. "Unser pädagogischer Ansatz geht davon aus, dass behinderte Menschen oft mehr leisten können und wollen, als von ihnen verlangt oder erwartet wird", so die Vorsitzende. Das Haus soll so geführt werden, dass es sich mit der Zeit selbständig trägt und dass die Behinderten in der Lage sind, einen Teil ihres Lebensunterhaltes selbst zu finanzieren.





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